LC31Eines Morgens standen gesichtslose und verhüllte Gestalten auf der Avenida Reforma von Mexiko-Stadt, Schamanen mit gehörnten Masken stellten sich den Passanten in den Weg und Krokodilsjunge ruderten auf ihrer Mutter die Straße hinunter. Menschliche Körper formten eine Bank, die nicht zum Sitzen einlud, und Fantasmen ohne Blick reckten ihre langen Finger nach den Vorübergehenden. Es waren Skulpturen der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington, die in den folgenden Monaten im ganzen Land gezeigt wurden.

Die 1917 in England geborene Leonora Carrington gilt heute als mexikanische Vorzeigekünstlerin, die Austellung in der Hauptstadt war eine von vielen, die ihr in den letzten Jahren gewidmet wurden. Dabei war ihr Bezug zu Mexiko eher ein zufälliger: Sie war einfach gekommen und geblieben, wie sie sagte.

Und das kam so: Im Frühjahr 1940 hatte Carrington, die dem Zirkel der Surrealisten angehörte, mit dem deutschen Maler Max Ernst in St. Martin d’Ardeche gelebt und gemalt. Dann wurde Ernst verhaftet und in ein Internierungslager gesperrt, und Carrington musste mit Freunden nach Spanien fliehen. Noch unter Schock wurde sie dort in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und gefoltert — eine traumatische Erfahrung, die sie später in ihrem Buch Down Below beschrieb. Nach ihrer Entlassung lernte sie in Portugal einen mexikanischen Diplomaten kennen und heiratete ihn, um aus Europa fliehen zu können. So strandete sie wenige Monate nach ihrer Flucht in Mexiko.

Das Land, in dem sie Asyl fand, kam ihr völlig fremd vor. Einige Surrealisten, allen voran André Breton und Antonin Artaud, hatten Mexiko zwar als “Verkörperung des Surrealismus” gefeiert, doch sie empfand das Land als grausam und abweisend. Auch mit der mexikanischen Künstlerszene, allen voran Frida Kahlo, Diego Rivera und den Muralisten, konnte sie nichts anfangen. Mexiko kommt in ihren Bildern nicht vor, sie interessierte sich nicht für “seine Märkte, Landschaften, Vulkane, Hütten, Kirchen, Pyramiden und auch nicht für das Leben auf der Straße”, wie ihre Biografin Elena Poniatowska schreibt. “Ich habe nie eine Melone gemalt”, sagte sie einmal und spielte damit auf eines der Lieblingsobjekte mexikanischer Maler an. Stattdessen las sie C.G. Jung und James George Frazer, beschäftigte sich mit Alchimie und Minotauren, und malte “ihre Innenwelt”, ihre Abgründe, Ängste und Albträume.

Elena Poniatowska, die wie Leonora Carrington 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko gekommen war, hat eine Biografie der Malerin geschrieben, die gerade unter dem Titel Frau des Windes auf deutsch erschienen ist. Dass die Biografie ein Jahr nach dem Tod der Künstlerin im Mai 2011 erscheint, ist vermutlich eher Zufall. Poniatowska war jahrzehntelang mit Carrington befreundet, und die Biografie ist das Ergebnis langer Gespräche und ausführlicher Recherchen. Besonders eindrucksvoll ist das Porträt der jungen Malerin, die Schilderungen ihrer rebellischen Kindheit in Klosterinternaten, ihrer Jahre mit den Surrealisten in Frankreich und ihres Aufenthalts in der psychiatrischen Anstalt von Santander, die Carringtons Schaffen prägten. Die zweite Hälfte der Biografie, die schöpferische Zeit in Mexiko, bleibt dagegen merkwürdig skizzenhaft, und wer eine künstlerische Würdigung Carringtons sucht, wird hier nicht fündig. Trotzdem eine faszinierende Annäherung an die letzte Surrealistin.

Elena Poniatowska:
Leonora

Deutsche Ausgabe:
Die Frau des Windes
aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
Frankfurt: Insel 2012