anna-seghers.v01Der allabendliche Wolkenbruch ist zu Ende, aus dem schwarzen Himmel fallen die letzten Tropfen. Die nassen, anthrazitfarbenen Pflastersteine schlucken das gelbe Licht der wenigen Straßenlaternen am Paseo de la Reforma. In der Nähe des riesigen Verkehrskreisels mit der neuen Statue der römischen Jagdgöttin Diana huscht eine etwa vierzigjährige Frau mit streng zurückgebundenem Haar zwischen den Schatten der Bäume hervor und eilt hinaus auf die Straße. Plötzlich hört sie neben sich ein Brüllen und sieht aus dem Nichts zwei runde Lichter auftauchen. Sie fühlt, wie etwas sie hart am Bein trifft. Sie wird emporgerissen und spürt einen heftigen Schlag gegen die Hüfte, dann wirbelt sie durch die Luft, ihr Körper verdreht wie ein Stoffpüppchen. Hart schlägt sie mit dem Kopf auf, dann stürzt sie durch das Pflaster hindurch in die Tiefe der Nacht.

Nach diesem Unfall am Abend des 24. Juni 1943 konnte sich Anna Seghers wochenlang an nichts mehr erinnern. Natürlich nicht an den Unfall und daran, wie sie mit Stirnbeinbruch in die Notaufnahme des Roten Kreuzes in der Calle Monterrey eingeliefert worden war. Aber nicht einmal daran, dass sie im November 1900 als Netty Reiling in Mainz zur Welt gekommen war, nicht daran, dass sie Schriftstellerin war, und auch nicht daran, dass sie vor den Nationalsozialisten erst nach Paris und dann weiter nach Mexiko geflohen war. Sie lag nur in ihrem Bett, starrte an die Decke, und versuchte, Scherben ihres Selbst aus dem dunklen Strudel in ihrem Kopf zu bergen.

Ihre Wohnung in der Straße Rio de la Plata 25 lag kaum hundert Meter von der Straßenecke entfernt, an der sie überfahren wurde. Das Haus steht heute noch, zwischen einem Gebäude im „kalifornischen Stil“ und einem heruntergekommenen Wohnhaus neueren Datums. Es ist ein dreistöckiges Haus in schlechtem Zustand, die gelbe Farbe bröckelt von den Wänden, und die Fenster mit ihren schweren, hundertfach gestrichenen Eisenrahmen sehen so aus, als hätte Anna Seghers sie noch selbst geöffnet. Hier erholte sie sich ganz allmählich, und ganz allmählich holte sie sich die Erinnerung wieder zurück.

Mexiko war für Anna Seghers kein glückliches Exil, auch vor dem Unfall nicht. Seit sie mit ihrem Mann, dem ungarischen Soziologen László Radványi, und ihren beiden Kindern Ende Juni 1941 in der Hauptstadt angekommen war, litt sie unter Geldmangel. Ihr Mann bekam eine Anstellung an der Universität, aber weil er dort kaum etwas verdiente, lebte die Familie von den monatlichen Zuwendungen der Flüchtlingshilfe der amerikanischen Schriftstellervereinigung. Ihr Roman Das siebte Kreuz war zwar gerade in englischer Übersetzung in den Vereinigten Staaten erschienen und verkaufte sich gut, aber wegen des Kriegs konnte ihr Autorenhonorar nicht überwiesen werden. In Mexiko erfuhr sie außerdem, dass Ihre Mutter in einem Konzentrationslager der Nazis ermordet worden war.

Vom ersten Tag an sah sie ihr Leben in Mexiko mit gemischten Gefühlen. Sie schwankte zwischen Dankbarkeit für das Land, das ihr buchstäblich das Leben gerettet hatte, und einer Ratlosigkeit, was genau sie da sollte. In Transit, einem Roman über die existenzielle Verlorenheit im Exil, den sie während der Überfahrt begann und in Mexiko fertig schrieb, lässt sie ihre namenlose Hauptfigur sagen:

An Mexiko ging mich nichts an… Ich hatte auch über das Land nichts gehört, was mir besonders im Gedächtnis geblieben wäre. Ich wusste – es gab dort Erdöl, Kakteen, riesige Strohhüte. Und was es auch sonst dort geben mochte, es ging mich ebensowenig an.“

Was sie anging, das war Deutschland. Bei ihrer Ankunft in Mexiko wusste sie zwar nicht, ob sie jemals wieder dorthin zurückkehren würde, doch ihr Leben und Schaffen drehte sich um nichts anderes. Zusammen mit Walter Janka, Egon Erwin Kisch und anderen deutschsprachigen Schriftstellern und Journalisten, die wie sie in Mexiko gestrandet waren, gründete sie erst den Heinrich-Heine-Klub, dann die Zeitschrift Freies Deutschland und schließlich den Verlag El libro libre (Das freie Buch), in dem die Exilanten ihre deutschsprachigen Artikel und Bücher veröffentlichten. Mit den Veranstaltungen des Klubs, dessen Präsidentin Anna Seghers war, wollte man Mexikanern demonstrieren, dass es noch ein anderes Deutschland gab als das der Nationalsozialisten, doch die Zeitschrift und der Verlag dienten vor allem der Selbstvergewisserung und der Vorbereitung auf die Rückkehr.

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Anna Seghers kurz nach ihrem Unfall.

Anna Seghers brauchte mehr als ein halbes Jahr, um sich halbwegs von dem Unfall zu erholen, doch in diesen Monaten verzogen sich die Wolken ein wenig. Sie erhielt einen Vorschuss aus dem Verkauf der Filmrechte von Das siebte Kreuz, zog in eine größere Wohnung in der Colonia Condesa, beendete ihren Roman Transit, schrieb Artikel und Geschichten, und konnte einige Reisen durch Mexiko unternehmen. Nun hatte sie auch die Mittel, sich zum Schreiben hin und wieder ins idyllische Cuernavaca zurückzuziehen. Dabei lernte sie das Land besser kennen und lieben, doch das änderte nichts daran, dass es ihr fremd blieb. In einem Brief an eine Freundin schrieb sie: „Mexiko ist ideal für Künstler. Die Atmosphäre ist anregend. Aber ich glaube nicht, dass ich je darüber schreiben werde. Ich weiß so wenig über das Land.“ Später notierte sie: „Wenn ich dir nur all die Märkte mit all den Farben, all den Stoffen, all den Menschen zeigen könnte, dann wäre es leichter für mich. So wie es jetzt ist, erscheint mir alles so schrecklich unwirklich.“

So verwundert es nicht, dass sie während ihrer knapp sechs Jahre in Mexiko nur ein einzige Geschichte schrieb, die das Land zum Schauplatz hat: „Der Ausflug der toten Mädchen“. Und auch diese Erzählung beginnt mit einer Begegnung, die ihr die eigene Fremdheit bewusst macht:

„Nein, von viel weiter her. Aus Europa.“ Der Mann sah mich lächelnd an, als ob ich erwidert hätte: „Vom Mond.“ Er war der Wirt der Pulquería am Ausgang des Dorfes. Er trat vom Tisch zurück und fing an, reglos an die Hauswand gelehnt, mich zu betrachten, als suche er Spuren meiner phantastischen Herkunft.
Mir kam es plötzlich genauso phantastisch vor, dass ich aus Europa nach Mexiko verschlagen war.

Das Land ist der Hintergrund für ihre persönliche Tragödie. Die Erzählung stammt aus der Zeit kurz nach dem Unfall und behandelt auch ihr Ringen um die Erinnerung. Der Ausflug in das mexikanische Dorf verschwimmt mit der Erinnerung an einen Schulausflug mit ihren Freundinnen aus Mainz, die sämtlich in Konzentrationslagern ermordet wurden. Angesichts der bedrückenden Last der deutschen Gegenwart verspürt sie kein Interesse daran, Mexiko kennenzulernen:

Die Lust auf absonderliche, ausschweifende Unternehmungen, die mich früher einmal beunruhigt hatte, war längst gestillt, bis zum Überdruss. Es gab nur noch eine einzige Unternehmung, die mich anspornen konnte: die Heimfahrt.

Diese Heimfahrt ließ allerdings noch Jahre auf sich warten. Erst im April 1947, knapp zwei Jahre nach Kriegsende, kam Anna Seghers wieder nach Deutschland. Als überzeugte Kommunistin zog sie nach Ost-Berlin, um ihre Rolle beim Aufbau des Sozialismus zu übernehmen. Sie wurde Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR und blieb als renommierteste Schriftstellerin des Ostens unangetastet, während ihre Weggefährten aus der „Westemigration“ inhaftiert wurden und in der Versenkung verschwanden. An Mexiko erinnerte sie sich gern, sie schrieb kurze Artikel über Diego Rivera und David Siquieros als Künstler im Sinne des Sozialismus sowie eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Crisanta“ (1950) über eine einfache Mexikanerin im Klassenkampf. Danach verschwindet das Land aus ihren Arbeiten.

Erst zwei Jahrzehnte nach ihrer Rückkehr, zunehmend enttäuscht vom Klassenkampf und dem real existierenden Sozialismus, entdeckte sie Mexiko wieder. „Das wirkliche Blau“ (1967) ist die Geschichte des Töpfers Benito aus Mexiko-Stadt, der für sein Geschirr mit einem intensiv blauen Muster berühmt ist. Als er die Farbe wegen des Kriegsembargos nicht mehr beschaffen kann, macht er sich auf die Suche nach einer anderen, einer eigenen Quelle. Zu Fuß wandert er durch das halbe Land, bis er schließlich in einer Silbermine Abfälle findet, aus denen er sich die Farbe herstellen kann. „Das wirkliche Blau“ liest sich ein wenig wie eine Künstlerutopie, die Anna Seghers nach Mexiko verlagern musste, weil sie in der grauen DDR keinen Platz hatte.

Der Unfall in jener regnerischen Nacht begleitete Anna Seghers noch viele Jahre. Sie hatte oft gesundheitliche Probleme und führte sie auf ihr Gehirntrauma zurück. Aber auch Mexiko begleitete sie bis zum Schluss. 1981, zwei Jahre vor ihrem Tod, schrieb sie an den Botschafter der DDR in Mexiko: „Die Zeit, die ich in Mexiko verbrachte, gehört zu den schönsten und wichtigsten Abschnitten meines Lebens. Das Land, seine Menschen und Landschaften werden mir immer nahestehen.“

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Literatur

Anna Seghers. Transit (1944/1947). Berlin: Aufbau, 1993.

_____. Der Ausflug der toten Mädchen (1944). In: Post ins Gelobte Land. Erzählungen. Berlin: Aufbau, 1990.

_____. Crisanta. Mexikanische Novelle (1951). In: Post ins Gelobte Land. Erzählungen. Berlin: Aufbau, 1990.

_____. Das wirkliche Blau. Eine Geschichte aus Mexiko (1967). Berlin: Aufbau, 1993.

Christiane Zehl Romero. Anna Seghers. Eine Biografie. 1900-1947. Berlin: Aufbau, 2000.

Markus G. Patka. Zu nahe der Sonne. Deutsche Schriftsteller im Exil in Mexico. Berlin: Aufbau, 1999.

Kaspar Nürnberg (Hrg.). Letzte Zuflucht Mexiko. Gilberto Bosques und das deutschsprachige Exil nach 1939. Ausstellungskatalog. Berlin: AktivesMuseum, 2012.

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