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Aus: Elena Poniatowska, Nada, Nadie

7:18.00
Ich weiß bis heute nicht, ob ich einfach Glück hatte, dass ich in diesem rosafarbenen, dreistöckigen Hotel im spanischen Stil, mit seinem Hof, seinen breiten Steintreppen und seiner Lobby mit den schweren Ledersesseln abgestiegen bin.
Es ist kein Luxushotel, aber bequem. Mein Zimmer befindet sich im ersten Stock. Der Lärm der Stadt dringt von unten herauf. Die Kinder sind seit knapp 20 Minuten in der Schule, die Angestellten auf dem Weg zur Arbeit.
Der Verkehr ist dicht wie immer. Mexiko ist eine der Städte mit der höchsten Umweltverschmutzung der Welt. Nicht nur wegen der Fabrikschlote und Abgase, sondern auch wegen des Lärms. Hier ist Hupen erlaubt, und die Verkehrsteilnehmer machen auf sehr südländische Weise davon Gebrauch.

7:19.00
Plötzlich ein lautes Knirschen. Ich liege auf dem Bett und spüre ein kurzes Schwindelgefühl. Das Knirschen wird lauter und ich habe das Gefühl, dass sich das Bett bewegt. Die offene Badezimmertür schlägt erst gegen den Rahmen, dann gegen die Wand. Ich bin noch nicht ganz wach, und einen Moment lang frage ich mich, ob jemand ins Zimmer gekommen sein könnte. Ist es die Reinemachefrau, die meinte, ich habe das Zimmer schon geräumt? Ich höre das Geräusch von klirrenden Gläsern, das Licht über dem Wachbecken geht aus.

7:19.30
“Caramba”, natürlich, ein Erdbeben. Das passiert in Mexiko dauernd. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, dass ich an Weihnachten 1969 auf Martinique hatte. Jetzt bewegt sich nicht nur mein Bett, sondern alles. Die Tür knallt, als wolle eine unsichtbare Hand sie zuschlagen, und diese Hand schiebt den Tisch und den Sessel durchs Zimmer. Aus dem Bad das Geräusch von berstendem Glas.

7:20.00
Gut, warten wir. Das muss ja auch irgendwann wieder aufhören. In diesem Moment erzittert die Wand hinter mir unter der Gewalt eines heftigen Schlags.
Vom Fenster her höre ich das ferne Geräusch splitternder Scheiben. Später stelle ich fest, dass es die Fenster der Nachbargebäude sind.
Rhythmisch lassen die Schläge meine Wand erbeben, alle fünf Sekunden, wie ein Metronom.
Ich habe das Gefühl, ich sitze in einem Boot, das durch die sturmgepeitschten Wellen schlingert.
In immer kürzeren Abständen folgen die heftigen Schläge. Ich versuche aufzustehen. Es ist unmöglich, aufrecht zu stehen, ohne sich an der Wand oder dem Bett abzustützen.

7:20.30
Etwa ab diesem Moment verliere ich jedes Zeitgefühl. Erst später erfahre ich, dass es sich um ein Erdbeben der Stärke 8 handelt, das fast drei Minuten dauert.
Was ich vor dem Fenster sehe, erschreckt mich. Geparkte Autos rollen vorwärts, rückwärts, stoßen zusammen. Stromkabel straffen sich, hängen durch, reißen, peitschen funkensprühend durch die Luft.
Aber das Schlimmste sind die zwölf- und vierzehnstöckigen Gebäude um mein Hotel herum, die meterweit hin und her pendeln.
Mir wird klar, dass die Schläge an der Rückwand meines Zimmers vom Nachbargebäude stammen. Ich erinnere mich, dass es viermal so hoch ist wie das Hotel. Später sehe ich, dass es 14 Etagen hat.
Mein Hotel und das benachbarte Hochhaus schwingen nicht im gleichen Rhythmus. Wenn sich das Hotel nach rechts lehnt, lehnt sich das Nachbargebäude nach links. Dann krachen die beiden gegeneinander, und zwar immer heftiger.
Die Passanten drängen sich in der Straßenmitte aneinander. Sie können genausowenig stehen wie ich. Zwei Polizisten klammern sich an ihren Gürteln fest. Andere halten sich an den Händen oder lehnen sich aneinander und schwanken in einem sonderbaren Veitstanz.

7:21.00
Voller Angst lege ich mich hin.
Ich befinde mich in einem Cocktail Shaker und werde von einem Barmixer durchgeschüttelt, immer heftiger.
Die Bilder an der Wand drehen sich wie die Zeiger einer Uhr. Nichts bleibt auf dem Nachtischchen, der Ankleide oder dem Tisch liegen, meine Bücher, Zeitungen und Kleider fliegen auf dem Boden herum. Beben, ohrenbetäubende Schläge, der Boden wirft Wellen. Die Zimmertür fliegt auf. Ich habe Angst.

7:21.30
Auf dem Bett liegend starre ich an die Decke. Dort tun sich Risse auf. Putz fällt von der Decke und von den Wänden. Staubgeruch erfüllt den Raum.
Es bebt schon seit einer Ewigkeit.
Ich denke nichts.
Ich starre an die Decke.
Ich weiß, dass sie unter dem Gewicht des benachbarten Hochhauses zusammenbrechen wird.

7:22.00
Ich bemerke, dass das Nachbargebäude nicht mehr gegen die Wand hinter mir donnert. Ich bemerke auch, dass das Kopfende meines Betts schwingt. Das Hotel und das benachbarte Hochhaus schwingen jetzt im Gleichklang.
Ich denke immer noch nichts. Bin weder Handelnder noch Zuschauer. Befinde mich außerhalb von Raum und Zeit. Ohnmacht? Einfach nur Angst.
Plötzlich denke ich, dass doch nun das Leben wie ein Film vor meinem inneren Auge ablaufen sollte, dass ich an die Menschen denken sollte, die ich liebe.
Nichts. Nur Angst, egoistische Angst. Betäubung angesichts der Heftigkeit der Katastrophe.

7:22.30
Nun denke ich an mich.
Zitternd stehe ich auf und laufe gebückt zum Türrahmen, denn ich erinnere mich, dass ich dort sicher sein soll, dass der Rahmen die einstürzenden Wände aufhalten soll.
Ganz allmählich habe ich das Gefühl – oder ist es nur mein Wunsch? – dass die Bewegungen nachlassen. Einige Augenblicke später bin ich mir sicher.
Ich befinde mich noch immer außerhalb von Raum und Zeit, aber jetzt sicher unter dem Türrahmen.
Ich werde ruhiger. Ich warte lange Zeit und denke, es könne jeden Moment wieder anfangen. Wie lange? Ich weiß es nicht.

7:23.00
Es ist vorbei. Die Bewegungen haben aufgehört.
Kein Geräusch von draußen.
Ich gehe ans Fenster.
Die Überlebenden umarmen sich auf der Straße.
Ich habe niemanden, den ich umarmen kann.
Ich ziehe mich rasch an und gehe nach draußen. Ich will sehen, was los ist. Auf der Treppe stoße ich auf andere Hotelgäste, einige halbnackt, alle totenbleich. Ich sehe vermutlich genauso aus…
Am Paseo de la Reforma brodelt es vor Menschen und stehenden Autos. Der Anblick ist wie eine Halluzination, es herrscht eine ungewohnte Stille.
Noch ahne ich nicht, welche Schrecken in den kommenden Tagen und Nächten auf mich warten. Ich verspüre eine unendliche Erleichterung. Eine gewaltige Lebensfreude erfasst mich, als wolle sie diese vier Minuten vergessen machen.

*

Ich gestehe, dass Elena Poniatowska mir keine ausdrückliche Erlaubnis gegeben hat, diesen Auszug aus ihrem Buch Nada, Nadie zu übersetzen und hier wiederzugeben. Aber nachdem ich ein halbes Dutzend Mails an verschiedene Adressen, Verlage und Stiftung geschickt und keine Antwort erhalten habe, würde ich den Schluss ziehen, dass sie zumindest nichts dagegen hat.
Nada, Nadie ist eine Sammlung von Zeugnissen von Überlebenden und die vielleicht bewegendste Darstellung des verheerenden Erdbebens, das Mexiko-Stadt am 19.September 1985 heimsuchte. Nach Angaben der Regierung fielen diesem Beben 10.000 Menschen zum Opfer, doch viele gehen davon aus, dass die Regierung die tatsächlichen Opferzahlen verheimlichte und in Wirklichkeit dreimal so viele Menschen ums Leben kamen. In ihrem Buch setzt Poniatowska, Autorin von Romanen wie Lieber Diego und Tinissima, den Opfern und Helfern ein eindrucksvolles Denkmal.

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