Als ich das Glück hatte, nach Mexiko zu kommen und die Meisterwerke der altmexikanischen Kunst an Ort und Stelle sehen zu können, suchte ich nach einem Werk, das eine Einführung in dieses Kunstschaffen aus seinen geistigen und schöpferischen Voraussetzungen heraus geboten hätte. Aber das, was ich suchte: Ein Ästhetik des altmexikanischen Kunstschaffens, fand ich nicht. Also entschloss ich mich, es selbst zu schreiben.
(Paul Westheim, Vorwort zu Die Kunst Alt-Mexikos.)

Als es den Kunstkritiker und Sammler Paul Westheim 1941 nach Mexiko verschlug, rief er aus: „Dies ist ein Land, in dem ein Kunstmensch leben kann!“ Mehr noch als die zeitgenössischen Maler wie Diego Rivera, José Clemente Orozco und Rufino Tamayo hatte es ihm die prähispanische Kunst angetan. Kaum angekommen, machte er sich ans Werk, lernte Spanisch, las die Veröffentlichungen spanischer und deutscher Altertumsforscher und ging unermüdlich ins Museo Nacional de Antropología, das damals noch in der Calle Moneda hinter dem Zócalo untergebracht war. Dieser Kunst sollte er den Rest seines Lebens widmen.

Die Ästhetik der altmexikanischen Kunst stellte ihn vor ein Rätsel, das er entschlüsseln wollte. Angesichts der überwältigenden Formenvielfalt, der geheimnisvollen Masken, abstrakten Tiergestalten und monströsen Götter, wurde Westheim allerdings schnell klar, dass er mit einer Ästhetik im europäischen Sinne nicht weiterkam. Die Kunst der Olmeken, Tolteken, Tarasken, Mayas und Azteken gehorchte keinen aristotelischen Gesetzen von Schönheit und Ebenmaß, sondern war Ausdruck einer durch und durch spirituellen Welt. Westheim, der sich in Deutschland vor allem als Vorkämpfer des Expressionismus einen Namen gemacht hatte, entdeckte hier eine verwandte Kunstauffassung wieder:

coatlicue

Die altmexikanische Kunst strebt nicht Schönheit an, sondern Expressivität, Kraft des Ausdrucks… Die Große Coatlicue [s. Abbildung] war auch für den Azteken jener Zeit nicht „schön“, wie immer sein Schönheitsempfinden gewesen sein mag. Sie sollte es auch gar nicht sein. Sie sollte einen großen, erhabenen Begriff geben von dieser allgewaltigen Göttin der Erde, aus deren Schoß alles Leben erwächst und die alles Geschaffene auch mitleidlos wieder verschlingt.

Das schrieb er in seinem Buch Arte antiguo de México, das 1950 erschien. Das Buch war ganz Kind seiner Zeit, bestimmt von einem Interesse am Geheimnisvollen, an Ritual und Religion, das in der heutigen soziologisch-materialistischen Anthropologie schmerzlich fehlt. Westheim suchte in der Kunst weniger das Visuelle als das Spirituelle, und leitete aus den Formen und Darstellungen die Kosmovision und magische Weltsicht ihrer Schöpfer ab. Damals waren viele wichtige archäologische Entdeckungen noch nicht gemacht (zum Beispiel war der große Tempel von Tenochtitlan noch nicht entdeckt), doch mit Vorstellung und Einfühlung las Westheim aus dem Wenigen, das er hatte, eine ganze Welt heraus. Allein deshalb bleibt Arte antiguo de México auch fast siebzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung eine faszinierende Lektüre.

tezcatlipoca

Daneben hat das Buch eine ganz besondere Geschichte, die beim Lesen immer mitschwingt – die Biografie Paul Westheims. Der jüdische Intellektuelle und Vorkämpfer einer Kunstrichtung, die von den Nazis als „entartet“ verunglimpft wurde, war im August 1933 aus Berlin nach Frankreich geflohen, weil er um sein Leben fürchten musste. Seine Sammlung zeitgenössischer Kunstwerke hatte er bei einer Bekannten zurückgelassen, um sie vor der Vernichtung durch die Nazis zu bewahren. In Paris hatte er sich eine neue Existenz als Kunstkritiker aufgebaut, unterstützt durch gelegentliche Verkäufe aus seiner Sammlung, doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs war er zusammen mit anderen deutschen Staatsbürgern verhaftet worden. Es begann seine „Tour de France“ durch Internierungslager, wie er später humorvoll meinte. Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich gelang ihm schließlich die Flucht aus dem Lager, und er schlug sich nach Marseille durch, wo ihm der mexikanische Konsul Gilberto Bosques ein Visum zur Einreise nach Mexiko ausstellte. Über Spanien und Portugal floh der inzwischen am grünen Star erkrankte Westheim aus Europa und kam im Dezember 1941 mit dem portugiesischen Schiff Serpa Pinto in Veracruz an.

Ein großer Teil der deutschen Flüchtlinge, die nach Mexiko kamen, waren Kommunisten, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatten (mehr zu den deutschen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkriegs →hier). Anders als Westheim interessierten sich die meisten nur am Rande für das Land, das ihnen Asyl gewährt hatte, und bereiteten ihre Rückkehr nach Deutschland vor. Hinter den Kulissen rangelten sie bereits um Positionen in der Kulturbürokratie eines kommunistischen Deutschlands, nach außen versuchten sie, das Interesse der gebildeten Öffentlichkeit in Mexiko an einer freien deutschen Kultur zu wecken. Westheim war an beidem nichts gelegen: In seinen Vorträgen stellte er den Mexikanern die Expressionisten vor, doch als Künstler, nicht als Deutsche. An den Schriftsteller Ludwig Renn schrieb er: „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufforderung, beizutreten in einen Ehrenausschuss zur Propagierung deutscher Kultur in Mexiko; so gern ich Ihnen persönlich gefällig bin – Sie wissen es –, ich kann da nicht mitmachen… Ich gehöre nicht zu denen, die die rechte Backe hinhalten, wenn man sie auf die linke haut.“

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Einreisedokument von Paul Westheim

Solcher Eigensinn kam bei den Genossen nicht gut an: Weil er im Rahmen einer nicht genehmen Veranstaltung einen Vortrag gehalten hatte, diffamierten sie Westheim als Trotzkisten und sorgten dafür, dass er die bescheidene finanzielle Unterstützung der League of American Writers verlor, die deutsche Exilautoren unterstützte. Trotzdem, und obwohl der grüne Star ihm ein Auge nahm, gelang es ihm, sich in Mexiko ein zweites Mal als Kunstkritiker neu zu erfinden. Er studierte die zeitgenössische und prähispanische Kunst Mexikos und hielt sich mit Vorträgen, Aufsätzen und Büchern über Wasser. Zu seinem Glück lernte er in Mexiko die deutsche Hispanistin →Marianne Frenk kennen, die bereits 1930 mit ihrem Mann nach Mexiko ausgewandert war und ihn bei der Übersetzung seiner Artikel ins Spanische unterstützte. Nach dem Tod ihres Mannes Mitte der fünfziger Jahre sollten die beiden heiraten.

Als die anderen Deutschen nach dem Krieg nach Deutschland und überwiegend in den sowjetisch besetzten Teil zurückkehrten, blieb Westheim in Mexiko, das ihn mit offenen Armen aufgenommen und ihm eine neue Heimat geschenkt hatte. Ironischerweise starb er am 21. Dezember 1963 bei seinem ersten Besuch in Berlin seit dreißig Jahren an einem Herzinfarkt. Sein gespanntes Verhältnis zu Deutschland wird auch an der Veröffentlichung seiner Bücher deutlich. Sein Hauptwerk wurde erst 1966, drei Jahre nach seinem Tod auf Deutsch veröffentlicht. In Mexiko hat Paul Westheim dagegen einen Ehrenplatz erhalten: Im Palacio de Bellas Artes wurde sogar ein Saal nach ihm benannt.

Literatur:

Paul Westheim. Die Kunst Alt-Mexikos. Köln: DuMont, 1966.

_____. Der Tod in Mexiko. Hanau: Müller & Kiepenheuer, 1987.

Barbara Beck. „Paul Westheim in Mexiko – Vom Exil zur Wahlheimat?“ in: Mexiko, das wohltemperierte Exil. Mexiko: Instituto de Investigaciones Interculturales Germano-Mexicanas, 1995.

Bernd Fechner und York-Egbert König. Paul Westheim: Kunstkritiker, Publizist, Sammler. Reihe Jüdische Miniaturen. Berlin: Hentrich und Hentrich, 2017.

Dúrdica Ségota. „Paul Westheim (1886-1963): Expresionismo, una potencia universal“. in: Rita Eder (Hrg.) El Arte en México: Autores, Temas, Problemas. México: Fondo de Cultura Económica, 2002. S. 321-340.

„El saceo de la colección Westheim“. Conectas

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