Auswahl_022Im Juni 1867, vor genau 150 Jahren, wurde Maximilian von Habsburg, der Kaiser von Mexiko, in Querétaro erschossen — das obige Gemälde von Édouard Manet stellt seine Hinrichtung zwischen seinen Generälen Miguel Miramón und Tomás Mejía dar. Aus meinem aktuellen Buchprojekt In Mexiko hier ein kurzer Text über eine ganz andere Zeit, in der Mexiko noch das Paradies für Maximilian verhieß:

Durch einen großzügigen römischen Innenhof mit kleinen Palmen und einem Brunnen in der Mitte treten wir hinaus in einen Garten, den Jardín de Borda. An verwitterten Mauern ranken riesige Fensterblätter, im dichten Schatten der alten Bäume nicken Farne und Strelitzien. Kein Geräusch dringt von draußen herein. Wir setzen uns auf eine Bank und lauschen dem Plätschern der Brunnen, dem Rauschen der Baumkronen und dem Keckern der Kolibris zwischen den Hibiskusblüten.

borda1Dieser Garten ist alles, was von der ehrwürdigen Quinta Borda übrig ist. Errichtet hatte den Landsitz ein gewisser José de la Borda, der Ende des 18. Jahrhunderts der reichste Mann Neuspaniens gewesen sein soll. Wir sind allerdings nicht seinetwegen hier, sondern wegen eines späteren Mieters: Maximilian von Habsburg, Kaiser von Mexiko.
Maximiliano, wie man ihn in Mexiko nannte, hatte sich in Cuernavaca und die Umgebung verliebt. Schon kurz nach seiner Ankunft in Mexiko im Mai 1864 besuchte er das Tal des ewigen Frühlings und verfiel den Reizen der tropischen Landschaft. In einem Brief an die österreich­ische Dichterin Emilie von Binzer beschrieb er die Gegend als eine der schönsten, die er je gesehen hatte:

Denken Sie sich eine weite, gottgesegnete Talebene, die sich wie eine goldene Schale vor Ihnen ausbreitet, darum verschiedene, hintereinander aufsteigende, in den kühnsten Formen gestaltete Gebirgsreihen, in die herrlichsten Tinten getaucht vom reinsten Rosen­roth, vom Purpur und Violett bis in das tiefste Azur­blau, die einen zackig und verworren, Fels auf Fels getürmt, den sagenreichen Küsten Siziliens gleich, die anderen hochanstrebend und dicht bewaldet wie die grünen Berge der Schweiz, hinter alledem zum tiefblauen Himmel gigantisch aufragend die riesigen Vulkane mit den schneebedeckten Häuptern. In der goldenen Schale denken Sie sich zu allen Jahres­zeiten oder besser gesagt das ganze Jahr, denn Jahreszeiten gibt es hier nicht, eine Fülle tropischer Vegetation mit ihrem berauschenden Aroma, mit ihren süßen Früchten und dazu ein Klima, so hold wie im italienischen Mai, und schöne Bewohner mit freundlichem biederen Sinn.

Maximiliano mietete die Quinta und zog sich hierher zurück, wenn ihm die Intrigen am Hof von Mexiko-Stadt zu anstrengend wurden. Anders als in der kühlen, 2300 Meter hoch gelegenen Hauptstadt spürte er in diesem überbordenden Garten, dass er wirklich in den Tropen angekommen war. Im gleichen Brief schrieb er an Emilie von Binzer:

In diesem glücklichen Thale, auf wenige Stunden von der Hauptstadt entfernt, wohnen wir inmitten eines üppigen Gartens in einer freundlich anspruchslosen Quinta. Der Garten im alten Stil ist von prachtvollen dunklen Lauben durchzogen, welche mit immerblü­henden Teerosen bedeckt sind. Zahllose Fontainen geben Kühlung unter schattenreichen Kronen von hundertjährigen Orangen- und Mangobäumen. Auf der längs unserer Zimmer hinlaufenden Terrasse, welche die Veranda bedeckt, sind unsere feinen Hängematten gespannt, und während uns bunte Vögel Lieder singen, schwingen wir uns in süße Träume.

Auch seine Gemahlin Charlotte, die in Mexiko Carlota hieß, träumte in der Quinta Borda vom Garten Eden: „Da, denkt man sich, hätte der Adam wirklich gewohnt, und es wäre das irdische Paradies“ In der Umgebung von Cuernavaca besuchte sie Orangenhaine und Tropfsteinhöhlen, außerdem ging sie auf Schmetter­lingsjagd und entdeckte ihre Kindheit wieder. Das Tal des ewigen Frühlings reißt sie zu poetischen Höhenflügen hin:

Heute früh besuchte ich eine süperbe Cascade mit zwei Saltos bei der Straße von Temisco und früh­stückte in Olindo an dem Eingang des Kaffeewaldes. Die Musik spielte Frios und Habanera und die großen, weißen Schmetterlinge flatterten im Com­pass um die Bananenblätter… Gestern war eine prachtvolle Mondscheinnacht, voll mit duftigen Brisen und Feuerfliegen, es glänzt am Himmel jetzt das südliche Kreuz, vier Edelsteinen ähnlich, und so wie es uns auf den tropischen Meeren erschienen ist.

Maximiliano, der sich öfter allein in die Hacienda Borda zurückzog, träumte dagegen von zweibeinigen Schmetter­lingen. Hier soll er ein Techtelmechtel mit der hübschen 17-jährigen Tochter des Gärtners gehabt haben, der „India Bonita“, einer gewissen Concepción Sedano, und es heißt, sie habe ihm sogar einen Sohn geschenkt. In seinen Briefen an Carlota betonte Maxi allerdings immer wieder, wie eifrig er hier arbeitete: „Gestern hatten wir einen herr­lichen italienischen Tag, mit tiefblauem Himmel und wohltuender Wärme, leider konnte ich ihn nicht viel genießen, da ich sehr beschäftigt war“. Er schrieb ihr, dass er die Hacienda so liebe, weil er „hier fleißiger [ist] wie in Mexico, weil ich den ganzen Tag, Gott sei Dank, ungestört bin.“

Aus: In Mexiko. Work in Progress.

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Literatur

Enrique Krauze: Siglo de Caudillos. Biografía Politica de México (1810 – 1910). Mexiko: Tusquets, 1994.

Zitate aus den Briefen Maximilians stammen aus: Egon Caesar Conte Corti: Maximilian und Charlotte von Mexiko. Nach dem bisher unveröffentlichten Geheimarchive des Kaisers Maximilian und sonstigen unbekannten Quellen. Zwei Bände. Wien: Amalthea, 1924.

Charlottes Briefe zitiert nach Konrad Ratz: „Vor Sehnsucht nach dir vergehend“: Der private Briefwechsel zwischen Maximilian von Mexiko und seiner Frau Charlotte. Wien: Amalthea, 2000.

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