PastelChocolate3Meine mexikanische Familie sang mir „Las Mañanitas“, dann durfte ich die Kerzen ausblasen und die Schokoladentorte anschneiden. Es war mein erster Geburtstag in Mexiko. Ich nahm mein großes deutsches Küchenmesser, das ich durch den Zoll ins Land geschmuggelt hatte, peilte gewissenhaft über die Klinge, zerteilte die Torte mit einem präzisen Schnitt in zwei exakt gleich große Hälften, halbierte die Hälfte und viertelte die Viertel. Als ich mit gewissem Stolz das erste Stück auf einem Teller weitergab, blickte ich in das lange Gesicht meines Schwiegervaters.

„Solche Stückchen serviert man in Deutschland?“

Kulturelle Unterschiede kann man noch an der winzigsten Kleinigkeit festmachen — wenn’s sein muss auch an Kuchenstücken. Als guter Deutscher habe ich gelernt, den Kuchen in perfekt gleich große Stücke aufzuschneiden. Oder besser in gleich kleine, denn er soll ja noch bis morgen reichen. Oder besser noch bis Montag. Und in Mexiko, das weiß ich jetzt, schneidet man erst grob ein rundes Stück aus der Mitte heraus und säbelt dann mit der Tortenschaufel irgendwie ein paar Stücke herunter. Schließlich futtert man sie bis zum letzten Krümel weg — denn besser Magenschmerzen, als dass die Torte morgen schlecht ist, wie eine Volksweisheit sagt.

En México nos apapachamos“, erklärte mir Lulú später — in Mexiko verwöhnt man sich eben gern. Wobei das deutsche Wort „verwöhnen“ die Sache gar nicht richtig trifft. Wie sollte es das auch? Apapachos sind eben eine typisch mexikanische Angelegenheit. Selbst in anderen spanischsprachigen Ländern kennt man dieses Wort gar nicht. Entsprechend schwer tut sich die Königlich-Spanische Akademie, wenn sie apapacho in ihrer Enzyklopädie als „liebevollen Klapps oder Umarmung“ beschreibt. In Wirklichkeit kann damit alles Mögliche gemeint sein, was irgendwie gut tut — von Süßigkeiten über ein freundliches Wort oder ein paar Stunden in der Hängematte bis zu einer zärtlichen Umarmung. Und im Grunde steht dahinter eine ganze Lebenseinstellung.

Findet auch der Kulturwissenschaftler Geert Hofstede. Für ihn ist der „Genuss“ eine von sechs Dimensionen, in denen er Kulturen miteinander vergleicht. In dieser Dimension kommt Mexiko auf sage und schreibe 97 von 100 Punkten. Damit, so Hofstede, haben Mexikaner „eine eindeutige Genussorientierung. Angehörige von Gesellschaften mit dieser Orientierung zeichnen sich im Allgemeinen durch die Bereitschaft aus, ihre Bedürfnisse hinsichtlich Lebensgenuss und Spaß zu verwirklichen. Sie haben eine positive Einstellung und neigen zum Optimismus. Sie messen der Freizeit großen Wert bei, orientieren sich in ihrem Handeln an ihren eigenen Wünschen und geben ihr Geld nach ihrem Gutdünken aus.“ Wie singen die Mexikaner, wenn die Torte auf sich warten lässt? Queremos pastel, pastel, pastel…

Auswahl_021

Und wir Deutschen? Kommen in Hofstedes Genussskala auf mickrige 40 Punkte. Das sieht Hofstede als Hinweis auf eine „Kultur der Zurückhaltung … mit einem Hang zu Zynismus und Pessimismus. Im Gegensatz zu genussorientierten messen zurückhaltende Gesellschaften der Freizeit weniger Wert bei und kontrollieren die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Menschen mit dieser Orientierung haben die Wahrnehmung, dass ihr Handeln gesellschaftlichen Normen unterliegt, und dass Genuss in gewisser Weise falsch ist.“ Oder wie sagt man in Deutschland, wenn der Nachtisch aufgetragen wird? Ach danke, ich brauche eigentlich nichts mehr. Also gut, aber nur ein kleines Stück — und nur, wenn es nicht zu süß ist.

Ganz groß sind wir Deutschen dagegen in einer anderen der sechs Dimensionen von Geert Hofstede, der Langzeitorientierung. Die 83 Punkte, die wir hier erzielen, sind seiner Ansicht nach Ausdruck eines großen Pragmatismus und einer Neigung „zu sparen und zu investieren, zu Knausrigkeit und Hartnäckigkeit.“ Mexiko, wer hätte es vermutet, kommt hier nur auf 24 Punkte.

Inzwischen habe ich gelernt, größere Stücke aus der Torte zu schneiden und sie vollständig aufzuteilen. Leider will mein Schwiegervater von meinen „deutschen Stückchen“ nichts mehr wissen und schneidet die Torte lieber selbst auf. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich zusehen muss, wie er mit lüsternem Blick darüber herfällt und sie mit dem Tortenheber zerstückelt. Außerdem würde ich viel lieber morgen noch davon essen, als mit Magenschmerzen aufzuwachen. Aber was tut man nicht alles, um mit der neuen Kultur in Frieden zu leben.

Quelle:
Website Geert Hofstede

Advertisements