„Ich weiß nicht, was ich dir raten soll…“ sagte Meli zögernd.

Es war der 21. September, zwei Tage zuvor hatte im Hochland von Mexiko die Erde gebebt. Auch Malinalco war schwer getroffen worden, die Häuschen aus Lehmziegeln hatten dem Beben nicht viel entgegenzusetzen. Insgesamt waren an die fünfhundert Häuser unbewohnbar, und sämtliche Baudenkmäler der Kolonialzeit hatten einen Knacks. Ich hatte Meli angerufen um zu hören, wie es ihr ging, und ob ich irgendwie helfen konnte. Außerdem erzählte ich ihr, dass ich eine befreundete Architektin unterstützen wollte.

„Also, ich wäre da vorsichtig…“

Ich horchte auf.

Das Erdbeben vom 19. September hatte nicht nur die Erde in Bewegung versetzt, sondern das ganze Land. Es war einer dieser Momente, in denen mich die Mexikaner überraschen und überwältigen. Wo das Beben auch zu spüren war, waren die Menschen nach den Erdstößen zuerst in ihre Häuser zurückgegangen, um kurz den Schaden zu begutachten, dann waren sie wieder raus auf die Straße gegangen, um zu sehen, ob sie irgendwo anpacken konnten. Es war, als hätten sie nur darauf gewartet, helfen zu können.

Auch die Malinalca hatten sich sofort an die Arbeit gemacht, Trümmer beseitigt, und im Garten der Klosterkirche ein Notlager mit Essensausgabe eingerichtet. Meinem Freund Arcadio wäre fast das Dach seines Häuschens auf den Kopf gefallen. Aber als ich ihn zwei Tage später anrief, erreichte ich ihn nicht etwa dort, sondern in einem Dorf weiter oben in den Bergen, wo er mit Freunden Trümmer wegräumte und eine Notunterkunft organisierte.

„Hier ist es noch schlimmer“, erklärte er mir. „Und hier ist niemand, der hilft.“

„Kann ich irgendetwas tun?“ fragte ich.

Er dachte kurz nach. „Nein“, meinte er dann. „Hier ist alles in Ordnung.“

Natürlich war nichts in Ordnung, und natürlich wollte ich gern helfen. Hinfahren wollte ich allerdings nicht – abgesehen davon, dass ich mit meinen bescheidenen Kräften nicht allzu viel hätte bewegen können, ist Malinalco vier Autostunden entfernt, und die Landstraße war nach einem Felssturz gesperrt. Nach einigem Hin und Her beschloss ich daher, Geld zu spenden – die Infrastruktur war weitgehend intakt, und wenn ich ein paar vertrauenswürdigen Helfern direkt vor Ort Geld überwies, dann wussten die schon, was sie damit anfangen konnten.

Im Internet ging ich auf die Seite meiner Freundin Sol, einer Architektin, die vor vielen Jahren aus Mexiko-Stadt nach Malinalco gezogen war. Ich staunte: Zusammen mit befreundeten Architekten hatte Sol schon einen ersten, grob skizzierten Plan für den Wiederaufbau der zerstörten Häuser eingestellt und bat um Spenden für eine Stiftung, die sie vor Jahren mitgegründet hatte. Als ich sie anrief, war sie gerade in einem Treffen mit anderen Architekten aus dem Ort, also machte ich es kurz.

„Die Stiftung schafft das Baumaterial an und koordiniert die Arbeiten“, erklärte sie mir. „Und wir Architekten entwickeln Pläne für erdbebensichere Dachkonstruktionen. Arbeitskräfte sind umsonst, das machen die Leute selbst. Für die Verwaltung veranschlagen wir Kosten von 10 Prozent, der Rest geht komplett in das Baumaterial für den Wiederaufbau.“

Ich war beeindruckt: Mit relativ wenig Geld konnte man da schon viel bewegen.

Dann rief ich Meli an, die in einer Sammelstelle neben der Klosterkirche saß und Konserven, Reis, Decken und andere Hilfsgüter entgegennahm.

„Also, ich will ja nicht schlecht reden, aber ich sehe nicht, dass die von der Stiftung irgendwas machen“, sagte sie. „Und ich habe gehört…“

Da war es wieder, dieses mexikanische Urgefühl – das Misstrauen. Es ist wie eine perfide Form der Selbstsabotage. Wenn es darum geht, anzupacken, mit bloßen Händen Trümmer wegzuräumen, in lebensgefährliche Ruinen zu kriechen und Tag und Nacht Essen für Helfer und Verletzte heranzuschleppen, dann sind die Mexikaner mit bewundernswerter Selbstlosigkeit und Solidarität zur Stelle. Aber wehe wenn sich zwei oder drei zusammentun, um ihren Einsatz zu koordinieren oder – Gott behüte! – Geld zu sammeln! Dann werden sie sofort von allen Seiten mit Verdächtigungen überhäuft, und früher oder später zerfleischen sie sich gegenseitig, weil einer dem anderen vorwirft, Geld in die eigene Tasche zu stecken.

Viele Soziologen haben dieses Phänomen beobachtet, und Alejandro Moreno kommt gar zu dem weitreichenden Schluss, „dass die mexikanische Gesellschaft große Schwierigkeiten hat, sich zu organisieren“. Auf der Suche nach den Ursachen für dieses Misstrauen steigen sie gern tief in die Geschichte hinab: Die Ausbeutung durch die Spanier in der Kolonialzeit. Nach der Unabhängigkeit die raffsüchtigen Caudillos. Und nach der Revolution die korrupte Staatspartei PRI, die sich in Mexiko bediente wie in einem Supermarkt. Politiker und staatliche Einrichtungen stehen unter Generalverdacht, weshalb die Menschen auch gar nicht erwarteten, dass ihre Regierung nach dem Erdbeben allzu viel unternehmen würde, sondern selbst anpackten. Doch leider macht das Misstrauen nicht bei Institutionen und Parteien halt, sondern richtet sich unterschiedslos gegen jede Gruppe — und am Ende auch gegen die Helfer.

Ich wollte mir Melis Liste der Verdächtigungen gar nicht erst anhören.

„Was schlägst du stattdessen vor?“ unterbrach ich sie.

„Also, ich habe heute Morgen mit ein paar Freunden gesprochen. Das Beste wäre es, Familien zu adoptieren. Dann weißt du auch, wo dein Geld hinkommt.“

„Und wie soll das funktionieren?“

„Naja, am Besten wäre es, du suchst dir in Querétaro fünf oder zehn Leute zusammen, die dir Geld geben. Dann kommst hierher und suchst dir eine Familie, und der gibst du das Geld. Einmal im Monat, bis sie ihr Haus wieder aufgebaut haben.“

„Wie bitte?“ Ich war verblüfft. „Ich komme nach Malinalco und suche mir eine Familie aus? Woher soll ich denn wissen, wer Hilfe braucht und wer nicht?“

„Naja, wir helfen dir dabei.“

„Aber das ist doch absurd kompliziert! Ich sammle gern Spenden für euch und schicke sie dir per Geldanweisung. Aber wer das bekommt, das müsst ihr vor Ort organisieren! Warum macht ihr nicht eine Spendenaktion im Internet?“

„Ja, aber wer weiß, was dann wieder mit dem Geld…“

„Aber kannst du nicht mal deinen Freunden vertrauen?!“ rief ich verwundert.

„Grade denen nicht“, antwortete Meli und lachte.

Es war einfach frustrierend. Dann fiel mir etwas ein. „Und woher sollen meine Spender denn wissen, dass ich mir nicht unterwegs von ihrem Geld den Bauch vollschlage und im besten Hotel von Malinalco übernachte?“, fragte ich.

Meli schwieg, dann sagte sie: „Stimmt, so geht es auch nicht.“

Nein, ohne Vertrauen geht es wirklich nicht.

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